10.6.08

 

Die berühmten Geschichtenerzähler von Marrakeschs Jemaâ El Fna-Platz vom Aussterben bedroht

Quelle: Agence France-Presse (AFP)
Die berühmten Geschichtenerzähler vom Jemaâ El Fna-Platz in Marrakesch, von der UNESCO als schützenswertes Erbe der Menschheit anerkannt, wird es anscheinend bald nicht mehr geben.

"Das Schicksal der Erzähler ist es, zu Verschwinden", sagt Abdelhay Nafiî ohne Umschweife. Er ist Verantwortlicher des Verbandes der Fachleute der Halqa für das Schauspiel und das Kulturerbe (die Halqa ist der Kreis der Zuhörer um den Erzähler).

"Die Erzähler, die ihr Metier meisterlich verstanden, sind tot, und was man heute erzählt, sind nur Legenden aus früheren Zeiten", so ein etwa sechzigjähriger Verkäufer von Fleischspießen.

Der Rauch von Gegrilltem lockt am frühen Abend marokkanische und ausländische Touristen auf den aus dem 16. Jahrhundert stammenden Platz, der sich in ein buntes Freiluftrestaurant verwandelt. Man findet hier Kartenlegerinnen, Schlangenbeschwörer, Gnaoua-Musikgruppen, Affendompteure und Verkäufer von allerlei Mittelchen, Getränken oder Parfum - aber keine Erzähler. "Wir sehen manchmal einen, einen einzige, der seine Halqa vor dem Café France hat, aber heute ist er nicht gekommen", sagt ein Orangensaftverkäufer dem Journalisten von AFP.

"1970 gab es noch 18 Erzähler, heute sind es nur noch sieben", beklagt sich Mohamed Bariz (49 Jahre), einer der letzten seines Metiers. Der großartige Erzähler der Geschichten von Tausendundeiner Nacht und der großen arabischen Epen mit seinem grauen Bart und seinen großen Brillengläsern gibt zu, nur sehr selten auf den Jemaâ El Fna-Platz zu kommen, meist um auszuprobieren, wie zeitgenössische Texte in der mündlichen Erzählung funktionieren.

"Das Fernsehen, vor allem die Zeichentrickserien, ersetzen immer mehr die Gutenachtgeschichten, die die Eltern früher ihren Kindern erzählten und die sie damit zum Träumen brachten", sagt er. "Es gibt kaum Nachwuchs. Der Beruf ist schwer und bringt nicht viel ein. Es ist viel schwieriger, das Publikum mit Worten zu fesseln als zum Beispiel mit Trommeln oder Gesang", erklärt er.

Zu den "Prämien", welche die Erzähler angeblich von der UNESCO erhielten, wie in der Presse zu lesen war, sagt er: "Wir haben früher gut unseren Lebensunterhalt verdient, nach jeder Geschichte zeigten sich die Zuhörer spendabel. Nun aber sagen sie uns: Ihr werdet doch sowieso von der Stadtverwaltung und der UNESCO bezahlt".

Dabei stimmt das gar nicht, keinerlei Vergütung erfolgt durch die UNESCO, wie Philippe Queau, Direktor des UNESCO-Büros in Rabat, der AFP versichert. "Wir bezahlen den Erzählern kein Geld. Wir haben pädagogische Maßnahmen finanziert, bei denen einzelne Erzähler an die Schulen in der Region Marrakesch gegangen sind", stellt er klar.

"Die UNESCO ist sehr am Erhalt des immateriellen Erbes auf dem Jemaâ El Fna-Platz interessiert", bestätigt Philippe Queau. "Aber die Maßnahmen zum Schutz dieses Erbes muss der marokkanische Staat ergreifen, wir können höchstens technische Hilfe leisten, wenn wir darum gebeten werden."

Der Erzähler Mohamed Bariz hat auch eine Meinung dazu, was man tun müsste, um die Erzählkunst am Leben zu erhalten: Es müsste eine Schule geben, an der junge Erzähler ausgebildet werden, die Erzähler bräuchten ein symbolisches monatliches Gehalt und eine Krankenversicherung.

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