5.6.08

 

Science-Fiction in der arabischen Literatur

Quelle: heise.de

Während sich die europäische Literaturwissenschaft schon seit einigen Jahrzehnten mit der zeitgenössischen utopischen Literatur beschäftigt, fand das erste Symposium zur "Arabischen Literatur und Science Fiction" erst im April 2006 statt. An der Fakultät für Literatur und Humanwissenschaften im marokkanischen Casablanca wurde darüber diskutiert, ob es in der arabischen Welt überhaupt ein Bewusstsein für SF gibt, warum SF den arabischen Autoren keinen Spaß macht und wie sich die mangelnde Verbreitung dieser Literaturgattung, auch im akademischen Sektor, überhaupt erklären läßt.


Unter der Leitung des Professors für arabische Literatur Dr. Idriss Qassouri referierten die Teilnehmer über die paar wenigen Romane arabischsprachiger Autoren, die sich mit Themen der Zukunft beschäftigen. Man analysierte den Ist-Zustand und bemängelte anschließend, dass sich auch Literaturkritiker nicht ausreichend mit dem Genre beschäftigen. Eine fundierte Analyse vorzulegen fiel allerdings schwer, denn es gibt "viel zu viel westliche Theorie für viel zu wenig arabisches Material."

Für dem Umgang mit dieser Literaturgattung war bislang eher die folgende Sichtweise charakteristisch: Noch 1987 wurde auf einem großen Symposium über Kinderbücher in den Ländern der Golfstaaten die SF-Literatur zwar als "grundsätzlich anregend" bezeichnet, aber die Geschichten und TV-Serien sollten doch besser in einer den arabischen Kindern gewohnten Umwelt spielen, sich aus der arabischen Kultur ableiten und außerdem auch zu den Glaubensgrundsätzen des Islam passen. Das Motto lautete: "Die Phantasie des Kindes soll befreit werden - aber in anerkannten Grenzen."

Erst Mitte 2005 konnte Sifat Salameh, eine in den USA lebende ägyptische SF-Expertin, die arabischen Bildungssysteme kritisieren, denen sie vorwirft, Phantasie und Kreativität nicht ausreichend zu unterstützen. Sie forderte, SF in den regulären Unterricht an Schulen und Universitäten der arabischen Welt zu integrieren:


Die Wichtigkeit der Literaturgattung SF liegt darin, daß sie die kreative Phantasie des Lesers anregt und seine Vorstellungskraft stärkt. Sie ist regelrecht notwendig, um die Erfindungsgabe zu entwickeln und um schon früh die Kreativen und die Ausnahmen zu entdecken, damit unsere arabische Welt eine Generation entdeckungsfreudiger Wissenschaftler erhält.

In ihrem Essay in der in London erscheinenden Tageszeitung al-Scharq al-Awsat zitierte sie auch den ägyptischstämmigen Nobelpreisträger [extern] Ahmed Zewail:


Der wirkliche Wissenschaftler, der seine Arbeit liebt, muss träumen, denn wenn er sich die Welt nicht selbst vorstellt und träumt, dann wird er stets nur dasselbe wie seine Vorgänger machen und dem nichts mehr hinzufügen."

Auf dem 1. Internationalen Konferenz zum Thema Cyber-Law, das die Arabische Liga im August 2005 in Kairo veranstaltete, referierte der informationstechnologische Berater der Liga Zayn Abdelhadi dann sogar schon über den Einfluß der SF auf die Gesetzgebung der Virtualität. Er bewies damit, daß die SF über den Umweg der neuen Technologien auch im arabischen Raum langsam an Akzeptanz gewinnt - selbst wenn er William Gibsons berühmten Roman mit orientalischer Verklärung "New Romancer" schreibt. [Oder war"s der Säzzer?]

Die Probleme der arabischen Gegenwart mit Phantasie und Vision verwundern eigentlich, denn genau wie in Europa gab es auch hier schon frühe Utopien im Sinne "perfekter Gesellschaften" - beispielsweise die des Philosophen Abu Nasr Muhammad al-Farabi in seinem Werk "Meinungen der Bewohner einer vortrefflichen Stadt". Bereits 500 Jahre vor dem "Utopia" des Thomas Morus beschrieb al-Farabi ein Leben in Glück und Wohlstand, da der optimale Staat die bösen Regungen der Menschen beseitigt hatte. Oder die futuristische Erzählung al-Qazwinis über den von einem fernen Planeten zur Erde gekommenen "Awaj bin Anfaq", die um 1250 n.Chr. entstanden ist. Doch im Unterschied zu Europa blieben solche Texte seltene Ausnahmen. Sie kamen viel zu früh und konnten wohl daher auch noch nichts bewirken.

Heute dagegen wird die geringe wissenschaftliche Bildung der Massen (und der Autoren) beklagt, wenn auch [extern] nicht ohne Selbstkritik. Doch Wissenschaftler wie Hoyle, Asimov oder Sagan, die über die Grenzen des Bekannten hinaus denken, schreiben und begeistern, gibt es in der arabischen Welt noch nicht. Und auch nicht einen Verlag mit dem Mut, Übersetzungen von "Harry Potter" in Auftrag zu geben (was in 62 anderen Sprachen vorzüglich geklappt hat.)


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